Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS)

Das Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS) ist ein außeruniversitäres Forschungsinstitut des Landes Berlin. Träger des Zentrums ist der Verein Geisteswissenschaftliche Zentren Berlin e.V. (GWZ). Seit Januar 2017 wird das ZAS als Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam von Bund und Ländern gefördert.

Aufgabe des ZAS ist die Erforschung der menschlichen Sprachfähigkeit im Allgemeinen und deren Ausprägung in Einzelsprachen. Ziel ist, diese zentrale Fähigkeit des Menschen und ihre biologischen, kognitiven und sozialen Faktoren besser zu verstehen und dadurch Grundlagen für unser Verständnis der grundlegenden Strukturen, des Erwerbs und der Verarbeitung von Sprache und deren Störungen sowie für sprachtechnologische Anwendungen zu legen.

Am ZAS sind in aktuell vier Forschungsbereichen Experten aus allen Kernbereichen der Linguistik tätig: Phonetik, Phonologie, Morphologie, Syntax, Lexikon, Semantik und Pragmatik sowie dem kindlichen Spracherwerb. An die vier Forschungsbereiche sind extern eingeworbene Drittmittelprojekte angelagert. Die Konzentration von aktiver Forschung in vielen linguistischen Teildisziplinen in einer einzigen Institution ist einmalig in Deutschland und ermöglicht einen direkten Austausch aktueller Forschungsergebnisse und Methoden. Zahlreiche Aufenthalte von Gastwissenschaftlern und Stipendiaten, nationale und internationale Workshops und Tagungen geben wichtige Impulse für die wissenschaftliche Arbeit am ZAS.

Wichtige Arbeiten und Angebote:

Das ZAS kann auf eine über die letzten 20 Jahre gesammelte Expertise zum mono- und bilingualen Spracherwerb verweisen. Wichtige Arbeitsgebiete des Forschungsbereichs Sprachentwicklung und Mehrsprachigkeit (FB2) sind die Entwicklung von Diskursfähigkeit im Vor- und Grundschulalter, die Identifikation und nähere Beschreibung von Sprachentwicklungsstörungen und die Chancen und Probleme beim mehrsprachigen Spracherwerb. Dazu hat das ZAS Studien zum Erwerb des Deutschen bei Kindern mit den in Deutschland häufigen Migrationssprachen (z. B. Russisch, Polnisch, Bulgarisch, Türkisch) durchgeführt, einige davon als Longitudinalstudien über einige Jahre hinweg.

Das ZAS entwickelt Sprachstandserhebungen und Instrumente für die Diagnose und Therapie von Sprachentwicklungsstörungen und Methoden zur Unterstützung des Deutscherwerbs, welche die familiensprachlichen Kenntnisse berücksichtigen. Mit dem am ZAS entwickelten Multilingual Assessment Instrument for Narratives (MAIN) liegt ein Instrument zur Testung narrativer Fähigkeiten von Kindern in gegenwärtig 64 Sprachversionen vor (über 80 sind derzeit geplant), das in mehr als 50 Ländern eingesetzt wird. Durch die weltweite Verwendung des Instruments entstand ein multinationales MAIN-Netzwerk, das am ZAS koordiniert wird. Der Sprachstandstest Russisch für mehrsprachige Kinder ist ein linguistisch und psycholinguistisch fundiertes Sprachstandsscreening für bilinguale Kinder im Vorschul- und Frühschulalter, der ebenfalls weltweit eingesetzt wird.

Das ZAS entwickelt Sprachförderprogramme und arbeitet an Methoden, sprachliches Wissen spielerisch zu vermitteln. Im europäischen COMENIUS-Projekt Friendly Resources for Playful Speech Therapy (FREPY) wurden interaktive und multifunktionale Materialien zur Sprachförderung in den Sprachen Deutsch, Russisch, Estnisch, Litauisch und Slowenisch erarbeitet. Diese Spiele, Puzzles, Bildergeschichten etc. sind als Druckversion und im Internet verfügbar.

Der am ZAS angelagerte Berliner Interdisziplinäre Verbund für Mehrsprachigkeit (BIVEM) vereint Grundlagenforschung, Expertise und Wissenstransfer. Im Rahmen des BIVEM wurden longitudinale Studien zum mehrsprachigen Erwerb und zur Sprachentwicklung durchgeführt, neue Initiativen sowie gemeinsame Aktivitäten mit Kooperationspartnern gestartet, Verbindungen zwischen Wissenschaft und Praxis gestärkt. Außerdem bietet BIVEM forschungsbasierte Beratung zum mehrsprachigen Spracherwerb für Eltern, pädagogische Fachkräfte, ärztliches Personal und Entscheidungsträger*innen in der Politik an, entwickelt Angebote zur Weiterbildung. Die Flyer-Reihe ‚Wissenschaft fürs Leben‘, die bereits fünf Themen in fünf Sprachen (Deutsch, Russisch, Türkisch, Arabisch und Englisch) beinhaltet, ist sehr gefragt: Über 80.000 Exemplare wurden bereits verteilt. Sie leistet einen besonderen Beitrag zum Wissenstransfer von der Forschung in die Praxis und wird auch weiterhin mit neuen Themen und Sprachversionen ausgebaut.

Das unter Federführung des ZAS entstandene Buch „Das mehrsprachige Klassenzimmer“ ist für Lehrkräfte an deutschen Schulen konzipiert, die Schüler*innen mit Migrationshintergrund in ihren Klassen haben. Es vermittelt auf anregende und verständliche Weise Hintergrundwissen für den kreativen Umgang mit Mehrsprachigkeit im Klassenzimmer.

Am ZAS werden ferner Orthografien und Lehrmaterialien für kleine, bedrohte Sprachen entwickelt, beispielsweise ein Wörterbuch der melanesischen Sprache Daakie.

Das ZAS will weiter linguistische Faktoren für den Erwerb der Bildungssprache untersuchen und dabei spezielle Herausforderungen wie andere Familiensprachen und spezifische Sprachentwicklungsstörungen berücksichtigen.