LERN @didacta - Podiumsdiskussion

Bildung im Dialog – Wissenschaft trifft Praxis: Vielfalt und Lernen gestalten

Bei der Podiumsdiskussion „Bildung im Dialog“ des Leibniz-Forschungsnetzwerks Bildungspotenziale (LERN) im Rahmen der didacta am 13. März 2026 in Köln wurde deutlich: Im Bildungssystem fehlt es weder ausschließlich an Wissen noch allein an Umsetzung – die Herausforderung liegt in beidem.  Auf die Frage von Moderatorin Andrea Thilo, ob es eher ein Erkenntnis- oder Umsetzungsproblem sei, antwortete Prof. Dr. Kai Maaz (DIPF & LERN):

„Einfache Antwort: beides. Wir haben viel Erkenntnis und entwickeln trotzdem immer wieder Neues. Das Umsetzungsproblem besteht darin, wie wir Kinder und Jugendliche am besten erreichen.“

Die Runde aus Wissenschaft und Praxis diskutierte über die Herausforderungen im Umgang mit Vielfalt und Heterogenität, die einst bei der ersten PISA-Studie vor über 20 Jahren als Kernproblem des Systems identifiziert wurden. Wo bestand Einigkeit in der Podiumsdiskussion?

  • Es braucht ein gemeinsames Zielbild, wie sich das Bildungssystem weiterentwickeln soll
  • Fehlerkultur und Offenheit seien dabei zentral, wie Caro Aschemeier (Didacta-Verband und Deutschfuchs) betont:

„Das ganze Mindset im Bildungssystem muss sich ändern, hin zu einer offenen Fehlerkultur.“

  • Einzelne Leuchttürme reichen nicht – Lösungen müssen systematisch in die Breite gebracht werden.

Mögliche Ansatzpunkte, über die sich die Runde einig war:

  • Frühe, gezielte Förderung: Lücken früh erkennen und gezielt schließen – notfalls Kinder 4–5 Wochen herausnehmen, ohne zu stigmatisieren (Emily Horbach: „In Deutschland fördern wir oft erst mit Diagnose – die Kinder, die langsam den Anschluss verlieren, sehen wir zu spät.“).
  • Positive Schulkultur: Selbstwirksamkeit stärken, Förderung wie im Profisport als Chance begreifen, Kollegiale Zusammenarbeit im Lehrerzimmer
  • Ressourcen & Strukturen: Finanzielle Mittel, aber auch Teamwork, moderne Arbeitszeitmodelle, kollegiale Unterrichtsvorbereitung sowie der Abschied vom klassischen Lehrdeputatsmodell (Kai Maaz: „Lehrkräfte sollten nicht Sonntagabends bei einem Glas Rotwein Klausuren korrigieren, wenn sie dies als Belastung empfinden“; Caro Aschemeier: „4000 Schülerinnen und Schüler pro Schulpsycholog*in – so kann multiprofessionelle Arbeit nicht funktionieren.“).

Unterschiedliche Positionen in der Diskussion zeigten sich beim Thema Differenzierung im Unterricht:

  • Position 1: Alle Kinder sollten die gleichen Chancen erhalten – möglichst mit hohen Bildungszielen. (Emily Horbach)
  • Position 2: Bildung sollte stärker an individuellen Fähigkeiten orientiert sein – nicht alle müssen studieren. (Kai Maaz)

Das Format zeigte, wie wichtig Veranstaltungen sind, die Wissenschaft und Praxis zusammenbringen, um die „Sprachlosigkeit“ zwischen den Akteursgruppen zu überwinden, so Stefan Spieker, Mitinitiator vom Didacta-Verband.

Die Diskussion verdeutlicht auch: In vielen zentralen Themen besteht Einigkeit zwischen Wissenschaft und Praxis – nun geht es um Umsetzung, Ressourcen und ein gemeinsames Zielbild, um Vielfalt als Chance zu gestalten und nicht als Problem zu erleben.

An die Podiumsdiskussion schlossen sich drei parallele Workshops an, die die Praxis der frühen Bildung, Schule und beruflichen Bildung in den Blick nahmen.

Im Workshop Frühe Bildung stellte der BRISE Forschungsverbund gemeinsam mit Prof. Dr. Olaf Köller (IPN) und Leoni Beckmann de Gonzalez von der Bremer Senatsverwaltung den engen Austausch zwischen Bildungsverwaltung und Wissenschaft vor. Die Initiative begleitet 500 Familien aus Bremen wissenschaftlich und legt den Fokus auf ihre Entwicklung in den ersten sechs Lebensjahren, um Erkenntnisse über Wirkungen und Strukturen frühkindlicher Förderung zu gewinnen.

Im Workshop Schulische Bildung präsentierte Deutschlands selbsternannter erster Rapagoge Tobias Schirneck zusammen mit Melissa Ambergs seine Arbeit an Schulen in sozialen Brennpunkten. Er zeigte, wie Kinder und Jugendliche auf dem Weg zu mehr Selbstwirksamkeit unterstützt werden und welche Strukturen notwendig sind, um Lernchancen zu erhöhen.

Der Workshop Berufliche Bildung, organisiert von Jorina Sendel und Kathi Bach von Lern-Fair e.V. und Prof. Dr. Silke Anger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), zeigte, wie über die Nachhilfeplattform gezielt Nachhilfelehrkräfte gefunden werden können und wie wissenschaftlich belegte Interventionen dazu beitragen, dass Jugendliche erfolgreich eine berufliche Ausbildung aufnehmen.

Download: Präsentation von Kai Maaz